Kafka im Kaleidoskop der Klänge

Im Kieler Opernhaus ist die deutsche und deutschsprachige Erstaufführung von Alberto Collas eindringlich vielgestaltiger Kafka-Vertonung Der Prozess am Sonntag überwiegend positiv aufgenommen worden. In Anwesenheit des Komponisten durften sich Jörg Sabrowski als Josef K. und die Philharmoniker unter Johannes Willig besonderer Zustimmung erfreuen.
Ein Lichtstrahl brennt eine magische Tür in die Dunkelheit. Bald wird auch ein Bett gleißend aus dem Nichts geschält. In ihm sitzt, schreckstarr, Josef K., Franz Kafkas bekannter Bankangestellter, den jemand oder er sich selbst haftbar macht für eine unsagbare Schuld. So haben wir uns das beim Lesen immer schon mit einem Schaudern vorgestellt: Eine ätzend allwissende Erzählerstimme blechert den berühmten Anfangssatz des Romans Der Prozess lautstark heraus, bald beschatten steingraue Wächter den Halbbekleideten, drängeln sich zu denunzierenden Mittätern mutierte Bankkollegen auf der Szene, klappen Schreibmaschinen-Batterien surreal aus dem Bühnenboden, hinkt die amorphe Volksmasse teufelsfüßig quer durchs Bild. Kafkaesk nennt man das, eine "Traumrealität".
Die Im- und Explosionen im Kopf des Josef K. sind im Graben vor der Bühne hörbar gemacht. Dirigent Johannes Willig und die Kieler Philharmoniker werden mit Aggressivität und Klangsinn vielen Facetten von Alberto Collas Partitur gerecht, die im Jahr 2002 in Reggio Emilia uraufgeführt und erfolgreich an der Mailänder Scala übernommen wurde. Als Deutsche Erstaufführung ist Der Prozess am Sonntag im Kieler Opernhaus herausgekommen, nicht ohne wiederum Eindruck auf einen Großteil des Publikums zu machen.

Der 1968 geborene, in seiner Heimat Italien hoch gehandelte Komponist hat in guter italienischer Tradition kein Problem damit, seine Musiksprache mit dem Allerlei der Musikgeschichte abzumischen. So tummeln sich im Graben Collas durchaus eigenständige und avancierte Verfremdungen und Effekte mit Stilzitaten wie Kurt Weills' Song-Ironie, Strauss' Zarathustra-Habitus, Bachs Inventions-Askese, Wagners Waldvogel-Geplapper (schön aufgegriffen von der Regie!) oder Weltmusik-Gesäusel. Gleichzeitig dürfen die Stimmen auf der Bühne Aussingen und Parlieren wie von Puccinis Gnaden. Von den messerscharfen Härten der Verhaftungs- oder Prügelszenen über manch schlierige Laszivität bis hin zur Schwarzen Raummusik-Messe mit Todverkündigungsgemurmel (wieder eine Bank: der von Jaume Miranda studierte Chor) ist einiges dabei.

Dass Colla unterschwellig ein kopflastiges System von Leit-Motiven und -Intervallen geknüpft hat, was Situationen und Personen näher charakterisieren und in Beziehung setzen soll, sorgt für eine gewisse Einheitlichkeit im postmodernen Kaleidoskop der Klänge. Die Sänger haben verschiedentlich gegen dieses orchestrale Rumoren zu kämpfen. Da ist es gut für das Verständnis, dass Obertitel verschluckte Details des in der deutschsprachigen Fassung von Berthold Schneider wieder näher an Kafka orientierten Librettos zurückholen.

Die große Zentralpartie des Josef K. hat sich Jörg Sabrowski vielbejubelt ganz zu eigen gemacht. Gleichermaßen zerschlagen und störrisch, resignierend und aufbegehrend, schönstimmig und expressiv übersteuert, wohlartikuliert und stammelnd stellt er K. als gespaltenen Selbstankläger dar, der sich in seinen (Roman-)Mitmenschen bespiegelt. Sabine Hofgrefe glänzt in drei Partien mit rubinrot glühendem Sopran als hausfrauenerotisches Gegenüber. Neben Marita Dübbers (Vermieterin), Jooil Choi (Albert K.) und Attila Kovács (unter anderem als Kaufmann Block) setzen Hans Georg Ahrens als bassfester Schläger, Hans Jürgen Schöpflin als tenorquirliger Gesetzesbeuger und Trond Gudevold als baritonsalbadender Gefängniskaplan Stimmakzente. Luise Kinner trifft als buckliges Mädchen in der zwielichtigen Gerichtsmaler-Szene (mit Charaktertenor Hans-Dieter Bader als Titorelli) genau den nöligen Lolita-Ton.

Die Regisseurin Friderike Vielstich hat alle diese kafkaesken Figuren erfolgreich in oppositionelle Spannung zu Josef K. gesetzt. Im weiten, hohen Einheitsraum Norbert Ziermanns, der im Hintergrund das Anklagejahr verrinnen lässt und ansonsten durch Atmosphäre und rasche Wandelbarkeit besticht, greifen die Szenen oft nahtlos ineinander. Die avantgardistischen, verkünstelten Tendenzen des Werks erscheinen sanft zurückgedrängt.

Die Regie entfernt sich deutlich von dem abgehobenen synästhetischen Licht-Geräusch-Ton-Konzept, das der Komponist im Libretto minutiös vorgibt. Auch die "drei Stufen" der Oper ("Infektion", "Inkubation", "Krankheit") und die drei aufeinander bezogenen Intermezzi, die eigentlich Josef K.s Festnahme pantomimisch rekapitulieren lassen sollen, gehen bis zur Unkenntlichkeit im genau getimten, eher konkreten Verlauf auf. Außerdem verfrachten die Kostüme von Sabine Böing das Werk in eine Art geschlossenen Nachkriegsrealismus. Zusammen mit der bisweilen rückschauenden Ästhetik der Musik entsteht für den gegenwärtigen Betrachter daraus eine nicht unproblematische historische Distanz. Auch entgeht die pausenlos zweistündige Aufführung nicht durchweg dem Längen-Schicksal vieler handlungsarmer Literaturopern. Vielleicht hätten ein paar mutige Schnitte wohl getan – was unter Beteiligung und in Anwesenheit des Komponisten vermutlich utopisch war.

Die eigenwillige Interpretation der jungen Oper rundet sich jedoch auf andere Weise, indem das Regie-Team Josef K. gleichsetzt mit dem jüdischen Schriftsteller Franz K.: Dessen obsessives Schreiben mit starken autobiographischen Reflexen wird schlüssig als ein aus dem Jenseits kontrolliertes Handeln im Sinne der Kabbala gedeutet. Der traditionell-symbolische "Türhüter" der jüdisch-philosophischen Geheimlehre klebt während der gesamten Aufführung einen Schlüsselsatz aus jenen Briefen auf den Bühnenboden, die Kafka während der Entstehung von Der Prozess an Felice Bauer schrieb. Josef K. scheitert, bleibt im irdischen Jammertal zurück "wie ein Hund", weil er dem kabbalistischen Weltgericht nicht gerecht wird. Die Türschwelle zu einer höheren Daseinsform vermag er nicht zu überwinden. So entschwebt allein die Musik in höhere Sphären.

Alberto Colla: Der Prozess. Weitere Aufführungen: 14. Mai(19.30), 16. Mai (19.00), 23. Mai (18.00), 25. Mai (19.30); 3., 5., 10., 12., 25. Juni (jew. 19.30 Uhr), Einführung jeweils 45 Minuten vor Beginn. Karten: 0431 / 95 0 95 www.theater-kiel.de – Vortrag des Kafka-Biographen Reiner Stach zu "Der Prozess" am 18. Mai um 19.30 Uhr