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  • Don Quijote - Träumend überleben die Künste - KN

    2006.05.02 03:16

    석찬일 조회 수:1221 추천:22



    Eine Geburt des Geistes: Miguel Cervantes' Ritter Don Quijote, in Kiel verkörpert durch Hye-Soo Sonn. Foto Olaf Struck

    Kiel – 100 frappierende Minuten: Christóbal Halffters Einakter Don Quijote hat nach seiner vielgelobten Uraufführung im Teatro Real Madrid auch bei seiner Deutschen Erstaufführung in der kleineren Oper Kiel nichts von seiner brennenden (Aussage-)Kraft eingebüßt.
    Einhellig beeindruckt zeigte sich am Sonntag das Premierenpublikum vom hochkomplexen Meisterwerk, von der Inszenierung Alexander Schulins und der musikalischen Bewältigung unter Johannes Willig. Ohne eigenständige Orientierung, angewiesen auf Lenkung äugen verblödete Menschlein aus den tristen Fenstern ihres Plattenbaus. Sie haben ihre Phantasie verloren, weil ihnen alles billig vorgekäut wird – von ihrem Staat, von den Medien... Unten, auf der Straße aber wandelt einer, in dem noch das Feuer schwelt. Es ist Cervantes, der spanische Dichter des frühen 17. Jahrhunderts, der hier für alle seine Nachfolger steht. Kraft seiner Imagination will er Farbe ins Spiel bringen und dafür sorgen, "dass weder Mühlen noch Riesen, noch Böcke, Schafe oder Heerführer uns verbieten zu lesen, zu denken, zu fühlen, anders zu sein".
    Alexander Schulin, der Regisseur der Deutschen Erstaufführung von Cristóbal Halffters sendungsbeseelter Oper Don Quijote, hat den Künstler werknah ins Zentrum seiner klar strukturierten Inszenierung gestellt. In Jörg Sabrowski findet man für den Cervantes einmal mehr einen faszinierend intensiv singenden Bariton-Anwalt der Moderne, der den spanischen Text so sorgfältig modelliert wie er die historisierenden und aktuellen Anklänge seiner Partie abstuft.

    Mit der geistvollen Geburt seines berühmten Ritters Don Quijote, dessen vermeintlich verquere Ansichten der Bassbariton Hye-Soo Sonn in etwas entrückt wirkende, aber schöne Töne kleidet, wandelt sich die Welt. Flankiert wird der berühmte "Ritter des traurigen Gesichtsausdrucks" ("Gestalt" ist ein Übersetzungfehler Ludwig Tiecks) durch seinen Gefährten Sancho Panza, dem Johannes An scheinbar mühelos lodernde Tenor-Höhen mitgibt, sowie durch seine betörend singenden siamesischen Musen Aldonza und Dulcinea (Marina Fideli und Susan Gouthro).

    Ausstatterin Stefanie Pasterkamp verortet sie alle gekonnt im Gegenschnitt der Jahrhunderte: vom artifiziellen Historiengemälde bis zum graumäusigen Jetzt. Flammende Weisheiten der Geistesgeschichte – wie Adornos wunderbar passgerechtes Bonmot "Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein" – werden da von Muthesius-Kunsthochschülern (Christian Aschberg, Nina Heinzel, Mike Heyden, Sabine Schröder, Katrin Pieczonka) auf die blanken Symbolseiten von Bücher-Riesen gepinselt. Sie erweisen sich so als lebendige Kehrseite der hohlen Plattenbau-Augen: mal kunstvoll, mal gekliert, aber immer provozierend wahrhaftig.

    Kein Wunder also, wenn hier die Philister hoch sechs (Heike Wittlieb, Claudia Iten, Marita Dübbers, Steffen Doberauer, Mirko Janiska und Hans Georg Ahrens) auf den Plan gerufen sind und sich in zensorischer Empörung stimmlich überschlagen. In progromartiger Massenhysterie wird schließlich niedergerissen, was den Menschen vom Lemming abhebt.

    Cristóbal Halffter, Spaniens bedeutendster zeitgenössischer Komponist, liebt solche scheinbar jeder Kontrolle entzogenen Kettenreaktionen sehr. Wenn beispielsweise der Opernchor, dem in der Einstudierung von David Maiwald eine beeindruckende Leistung zu attestieren ist, plötzlich in ein festliches Renaissance-Madrigal ausbricht, dauert es nicht lange, bis daraus ein ohrenbetäubendes Klanginferno wird. Dennoch stimmt das Verhältnis zu innigen Ruhepolen genau, etwa wenn das Solo-Cello (sehr einfühlsam: Paul F. Böhnke) immer wieder zum alter ego Quijotes wird. Deshalb ist es ein schöner Kunstgriff der Regie, das Instrument und seinen Spieler mit "ins Bild" zu setzen.

    Gern legt der Komponist, der die gewaltige Partitur mit ihren sechs von Andrés Amorós aus dem Roman extrahierten Szenen für Kiel leicht ausgelichtet hat, verschiedene Schichten übereinander. Kiels stellvertretendem GMD Johannes Willig obliegt damit eine beinahe übermenschliche, zumindest übermännliche Aufgabe: die gleichzeitige Koordination divergierender Vorgänge, denen die Partitur häufig auch noch zubilligt, "indipendente" (aleatorisch, also zufallsgesteuert unabhängig) zu agieren. So durchdringen und ballen sich Lyrisches, aggressiv Perkussives, Historisierendes und Gesungenes. Beim Hören der CD (dirigiert, genau wie die Uraufführung, von Halffters jüngstem Sohn und Willigs Studienkollegen Pedro Hallfter, erschienen bei Glossa / Note 1) erschließen sich die Schichten der Partitur etwas leichter. Dennoch ist Johannes Willig, den Gruppen der Kieler Philharmoniker und dem Ensemble höchste Achtung für ihren aufrechten und stimmungsvollen Kampf mit vielen Windmühlenflügeln zu zollen.

    Die Künste, so die Botschaft, sterben erst, wenn wir aufhören mit ihnen zu träumen. Elf mal lässt Halffter am Ende eine große Glocke dröhnen. Wenn es dann fünf vor Zwölf ist für das Erbe der mitteleuropäischen Hochkultur, erhebt der Mythos Don Quijote noch einmal mahnend seine Solocello-Stimme, beschwört den "heiligen Wahnsinn" herauf, der unserer Phantasie kreative Flügel verleiht. Die gestrauchelten Menschen, eben noch ein aggressiv aufgeputschtes Massen-Korps von entindividualisierten Kampfmaschinen, heben gespannt lauschend den Kopf und blicken auffordernd ins Publikum. Ein starkes Schlussbild eines innerlich nachbebenden Abends.

    Cristóbal Halffter: Don Quijote. Oper Kiel. Regie: Alexander Schulin; Ausstattung: Stefanie Pasterkamp; musikal. Leitung: Johannes Willig. Weitere Aufführungen: 6., 24., 28. Mai; 11., 24., 29. Juni. Karten: 0431 / 901 901 www.theater-kiel.de

    Von Christian Strehk
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