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E. T. A. Hoffmanns lebendige Musik

 

Philharmonisches Orchester und Chor unter Maiwald im Mozart-Konzert

 

Von Christian Strehk

 

Kiel - Goethe zeigte sich irritiert, Romatiker und Vormärzler wie Chamisso oder Heine aber erkannten das unerhört Neue, das in E. T. A. Hoffmanns künstlerischem Schaffen streckte. In der Musik, Hoffmanns eigentlicher Leidenschaft, wäre das nicht anders gewesen, denn der verhinderte Komponist dachte Mozarts Schaffen weiter, nahm in wenigen Werken noch zu Lebzeiten Beethovens vorweg, was erst bei Berlioz, Weber und Schumann aufblühte. Nur Beachtung fand es nicht.

   Im Mozart-Konzert der Musikfreunde Kiel aber kam all das am Donnerstag eindrucksvoll zur Geltung: Der Dirigent David Maiwald, Chordirektor an der Oper Kiel, präsentierte mit dem Miserere b-Moll von 1809 eines der überlieferten Hauptwerke Hoffmanns - und zwar so lebendig, dass da nicht das verschwiemelte Buß-Psalm-Gebet eines frustrierten Bamberger Kapellmeisters zu hören war, sondern ein kleines Meisterwerk voller innovativer Ideen.

   Der gut austarierte, reaktionsfreundig präsente Philharmonische Chor Kiel verschmolz klanglich sanft mit den hellhörigen Partnern vom Philharmonischen Orcehster. Die überraschenden Harmonie- und Stimmungswechsel, die hakeligen großen Fugen, der schwarz gähnende Abgrund menschlichen Frevels und das erlösende Erstrahlen des himmlischen Jerusalem gelangen wie selbstversändlich. Maiwald wählte vorwärts drängende Tempi und erreichte so positive Frische in einer auffällig lichten Interpretation.

   Auch die Entscheidung, die Soli nicht mit großen Opernstimmen zu besetzen, sondern aus dem Profi-Chor des Kieler Theaters heraus, erwies sich - nach überwundener Nervosität zu Beginn - als glücklich. Die Sopranistin Vera Scholten, die Altistinnen Bianca Kirsch und Karin Gehrmann, der Tenor Martin Fleitmann und der Bass Chan-Il Seok bildeten in den Ensembles eine homogene Einheit und sorgten in den solistischen Passagen für oratorische Intimität. Zum Beispiel gestaltete Vera Scholten die schöne Arie Sacrificium Deo anrührend innig.

   Maiwald entdeckte mit den Philharmonikern, die zum Einstieg außerdem die frühe Mozart-Sinfonie D-Dur KV 95 kontrastfreundig schnurren ließen, auch die schönen Momente und versteckten Skurrilitäten in E. T. A. Hoffmanns einziger Sinfonie Es-Dur. Auf Grundlage einer ganz neuen musikwissenschaflichen Notenedition ließen sich (trotz gelegentlicher Längen) im hinkenden Allegro des Kopfsatzes, in der halbseidenen Romanze des zweiten, im knorrigen Menuett und im überkandidelten Finale schon hier und da die Figuren blicken, die später in Callots Manier literarische Form annahmen. Für Goethe wäre das wohl nichts gewesen. Aber uns hat's gefallen.

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