Theater Kiel eröffnet mit einer Rarität

Glänzender Auftakt im Kieler Opernhaus mit Verdis „I Lombardi“

Christoph Munk | kn | 25.09.2011
16:18 Uhr
aktualisiert: 17:14 Uhr

110925_1618_b82140919z_1_20110925161641_000g1o3nukb_1_0_gallery_big.jpg

 

 

„Jerusalem!...Jerusalem!...Die große, die verheißene Stadt!“ Inbrunst schwingt im machtvollen Klang der Chöre, Sehnsuchtsruf und Schlachtgesang zugleich. Die lombardischen Ritter auf ihrem Kreuzzug ins Heilige Land sind ihrem Ziel nahe, Unvergänglich, wie in Stein gemeißelt beherrscht ein Schriftzug das Bühnenportal: „Deo lo volt“. Gott will es! Dieses in Spätlateinisch von Papst Urban II. formulierte Postulat zur Anstiftung der Kreuzzüge im 11. Jahrhundert setzt Uwe Schwarz unübersehbar über den Schauplatz seiner Operninszenierung. Unter ihm versammelt sich eine in die Mäntel der Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem gekleidete Schar zu einer Art christlich-historischem Mysterienspiel. Sein Thema ist die Frage, ob der Gott der Christen diese kriegerischen Eroberungen wirklich so gewollt hat - mit den Folgen für menschliche Beziehungen und sogar für politische Konflikte bis in unsere Tage.


Alles geschieht unter der hohen Kuppel eines der Jerusalemer Grabkirche nachempfundenen frühromanischen Gebäudes, das die Ausstatterin Dorit Lievenbrück als wandelbaren und doch stets beklemmenden Raum auf die Bühne stellt. Die Konzentration auf diesen Ehrfurcht gebietenden Ort, einen Kampfplatz des Glaubens, zeugt von mehr als einem schlüssigen Regiekonzept. Uwe Schwarz zwingt damit die zerrissene, von logischen Brüchen geprägte Geschichte des Librettisten Temistocle Solera in eine künstlich geschaffene, aber überzeugende Einheit des Ortes und der Zeit.

 

Denn einer der Gründe, warum Verdis I Lombardi bisher in der Raritätenkiste verschwunden blieb, ist eine verworrene Handlung aus drei Bruchstücken: der mit mörderischen Gelüsten ausgetragene Streit der fürstlichen Brüder Arvino (heller Tenor) und Pagano (dunkler Bass) um die schöne Viclinda; die aus religiöser Sicht sündige Liebe von Arvinos und Viclindas Tochter Giselda zu dem muselmanischen Tyrannensohn Oronte - und eben der Kreuzzug der Lombarden, in den alle irgendwie verstrickt sind. Indem Schwarz die Bestandteile des Dramas auf eine neue Spielebene hebt, fasst er die Erzählstränge zusammen, schafft klare Strukturen.

 

Der Rest ist Verdi. Genauer: Die von einem großen Operntalent ausgelöste Verheißung auf spätere musikdramatische Meisterschaft. Wuchtige Chöre, schwelgende Klangbögen, schmetternde Akkordfolgen, Sprache, die in Melodien drängt, schmelzende Kantilenen, innige Gebete, dramatische Ausbrüche - alles ist in der I Lombardi-Komposition schon angelegt. Und bei Leo Siberski in guten Händen. Denn der neue Erste Kapellmeister und Stellvertretende Generalmusikdirektor der Kieler Oper sorgt mit dem Philharmonischen Orchester für kultivierte Ordnung und musikalische Leidenschaft.

Anfangs nur muss man um Agnieska Hauzer bangen, weil ihre Stimme beim Gebet der Giselda noch Stabilität sucht. Doch bald dominiert die junge Sopranistin souverän ein homogen auftretendes Solistenensemble. Mit überzeugend sängerischer Steigerung zeigt Petros Magoulas die Saulus-Paulus-Verwandlung des finsteren Pagano zu einem um Buße und Vergebung bemühten Eremiten. Yoonki Baek gibt dem Oronte einen strahlenden, aber in Todesahnung auch dunkel schimmernden Tenorglanz.

 

Giuseppe Verdi: I Lombardi. Regie: Uwe Schwarz; Ausstattung: Dorit Lievenbrück; musikalische Leitung: Leo Siberski. Oper Kiel; weitere Aufführungen: 2., 22. Oktober; 11., 24. November; 17., 29. Dezember. Karten-Tel.: 0431-901901; www.theater-kiel.de

profile