Von Sigmund Freud und Thomas Mann aus betrachtet

Libido am Lido: Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ an der Oper Kiel

Christian Strehk | kn | 12.06.2011
20:48 Uhr
aktualisiert: 12:45 Uhr

 

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Thomas Manns Hauptfigur aus der Novelle Der Tod in Venedig, so, wie sie sich in den legendären Filmbildern Viscontis tief ins Weltkulturgedächtnis eingebrannt hat, startet mit zittriger Hand einen letzten Versuch, in seinen Erinnerungen noch an den fatalen Fehlern zu drehen, die er einst als Heißsporn begangen hat. 
In dieser Rahmenhandlung steht Jacques Offenbachs „Phantastische Oper“ Les contes d’Hoffmann in Kiel klar vor Augen. Dem Regisseur Thomas Wünsch, der überzeugend Massen zu führen und Spannungen zwischen Figuren aufzubauen versteht, gelingt es, Licht ins oft so schwiemelige Halbdunkel hochromantischer Hirngespinste zu tragen. In den weiträumigen Bühnenbauten Norbert Ziermanns und den tollen Kostümen von Heiko Mönnich, die den Abend zugleich zur Quiz-Runde für Kino-Freunde machen, kann man die Entgleisungen des jungen Hoffmann bestens verfolgen. 

Das Sängerensemble ist glänzend besetzt: Yoonki Baek singt die Titelpartie mit hell lodernder Emphase, Amira Elmadfa gibt die männliche Muse Niklaus wunderbar eindringlich und stilvoll. Anrührend naiv und betörend wohldosiert verabreicht Susan Gouthro als Antonia die Melodiedrogen Offenbachs. Als Hoffmanns ewiger Gegenspieler entwickelt der potente Bassbariton Elia Fabbians besonders als Doktor Mirakel seine teuflische Dämonie.
Als erste Rückblende in Hoffmanns krude Vergangenheit überzeugt der märchenhaft groteske Olympia-Akt am wenigsten. Doch in sich funktioniert auch dieser Tanz der Vampire und Maschinenmenschen als munteres Volkstheater, zumal Lesia Mackowycz das Publikum als Olympia zu Begeisterungsstürmen animiert.
Der Dirigent Johannes Willig findet mit den wunderbar präzisen Philharmonikern einen Offenbach-Königsweg zwischen gefühlsechtem Wahnsinn und ironisch distanziertem Gekicher, zwischen großem Pathos und duftiger Salon-Petitesse.

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