Jörg Diekneite inszenierte ohne falsche Patina

Große Kunst der kleinen Oper: Léhars "Lustige Witwe" in der Oper Kiel

 
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Lässt man beim Schlussapplaus noch einmal Norbert Ziermanns aufgeräumte Bühnenbilder an sich vorüberziehen und wirft einen Blick auf die Kostüme, mit denen Sabine Keil die Sänger in das Paris der zwanziger Jahre versetzt hat, kommen keine Fragen auf: Nein, in den vergangenen zweieinhalb Stunden gab es nicht einen Moment, in dem man auf die Patina stieß, die die Operette für Jahrzehnte zum No-Go-Genre machte. Regisseur Jörg Diekneite und sein Team scheinen sich vielmehr genau überlegt zu haben, dass man der Lustige Witwe heute am besten beikommt, indem man sie ernst nimmt. Der Zuschauer erlebt eine Inszenierung mit Geschmack und Stil, die den Zeitsprung vom Anfang des 20. Jahrhunderts in dessen zwanziger Jahre mühelos bewältigt.
 
Hanna Glawari schwebt hier direkt vom Himmel in das Pariser Gesellschaftsleben hinein - einer von vielen guten Regieeinfällen, die Diekneites Lesart ihren Reiz verleihen. Susan Gouthro gibt eine erfrischend klare Witwe, auf deren Arien stets eine zarte Schicht Raureif zu liegen scheint. Ihr mit vielen Zwischentönen durchgestaltetes Vilja-Lied wird auf diese Weise zur berührenden Liebesklage und hat so gar nichts mehr von einem Schmachtfetzen. Dass diese Glawari bei weitem nicht so durchtrieben agiert, wie es die Rolle möglich machen würde, erscheint im Hinblick auf ihr Gegenüber durchaus stimmig. Denn bei dem schwierigen Spagat zwischen Bonvivant und Miesepeter, den Lehárs Graf Danilo erfordert, setzt Jörg Sabrowski stark auf letzteren Charakteranteil. Mit Ernst und Lakonie macht er sich daran, die Konkurrenz auszuschalten und gestaltet auch seinen Gesang auf gleiche Weise. Die vielen schweren Stellen in dieser von Lehár ursprünglich für einen Tenor konzipierten Partie meistert der Bariton dabei bravourös.
Dass dieses Paar also vergleichsweise ironiearm wirkt, stets mehr von Herzen als in Anführungszeichen zu singen scheint, korrespondiert mit Diekneites Regiekonzept. Vor allem im ersten Akt liegt sein Fuß allerdings mitunter etwas zu sehr auf der Spaßbremse, was punktuell Längen zur Folge hat, die sich nach der Pause deutlich seltener einstellen. Auch das zweite Liebespaar des Abends taut hier zusehends auf: Als neues Ensemble-Mitglied verbreitet Yooni Baeks angenehm natürlicher Tenor reinen Schönklang. Dass sein Camille de Rossillon auf eine zurückhaltende Valencienne trifft, ist an diesem Abend höheren Mächten geschuldet. Trotz Indisposition schlägt sich Lesia Mackowycz bei der Premiere wacker, muss zum Finale hin aber doch gänzlich passen.
So sind die eigentlichen Funkensprüher des Abends eher am Rande des Geschehens zu suchen: angriffslustig um die Witwe wetteifernd Michael Müller und Fred Hoffmann in den Rollen von Vicomte Cascada und Raoul de St. Brioche, wunderbar ahnungslos und in waschechtem Türkisch für Verwirrung sorgend Kemal Yasar als Baron Mirko Zeta, launig einsilbig Matthias Klein als Kanzlist Njegus. Homogen ordnet sich auch der Opernchor (Einstudierung: David Maiwald) in das Bühnengeschehen ein. Nicht zu vergessen natürlich die von Ellen Grell quecksilbrig choreographierten und angeführten Grisetten.
Im Orchestergraben verwirklicht Johannes Willig mit den Kieler Philharmonikern seine Ankündigung, sich in Sachen Dreivierteltakt nicht an Wiener Traditionen messen zu wollen. Seine Lesart der Lustigen Witwe wirkt dementsprechend sehr gradlinig und direkt. Mancher musikalisch selige Moment muss vor diesem Hintergrund mit reduziertem Orchesterschmelz auskommen. Doch auch hier zeugt die Zurückhaltung von einer an sich lobenswerten Vorsicht bei dem heiklen Unterfangen, die große Kunst der kleinen Oper zu zelebrieren. Man wird zudem annehmen dürfen, dass die Mitwirkenden im Laufe der Aufführungen auf der Bühne wie auch hinter den Pulten noch mehr in Sektlaune kommen werden.
Nach Daniel Karaseks Fledermaus hat die Operette mit Diekneites Lustiger Witwe einen überzeugenden Wiedereinzug ins Kieler Opernhaus gehalten, der am Sonnabend entsprechenden Applaus erntete. Sollte man den gleichen Namen im nächsten Spielzeitheft unter dem Eintrag Land des Lächelns lesen - es wäre ein Grund zur Freude.
KN
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