Viva la Mamma!  

Heilloses Gekicher statt Kathedralenstille während einer Vorstellung im Opernhaus? Was bei Tannhäuser undenkbar wäre, geschieht bei Gaetano Donizettis Opern-Farce "Viva la Mamma!" über Sitten und Unsitten am Theater ganz automatisch. Ralph Mundlechners treffsichere und gagreiche Inszenierung lässt viel Raum für ein Ensemble, das mit allen komödiantischen Wassern gewaschen ist. Läuft auch die musikalische Seite zwischendurch Gefahr, etwas in den Hintergrund zu geraten, Spaß ist allemal garantiert! Großer Spaß!

Die Probleme, mit denen die Helden unserer Opern-Farce zu kämpfen haben, haben sich wahrscheinlich in den letzten 200 Jahren wenig verändert. Das Theater von Rimini probt für eine ernste Oper. Doch hinter den Kulissen geht es wenig heldenhaft zu. Eher irdisch sind die Kämpfe um den Platz im Rampenlicht, Drohungen, Erpressungen, Stimmprobleme, Eitelkeiten, Subventionskürzungen, Liebschaften, Betrug und Eifersucht. Um nur die wichtigsten zu nennen. Schlimmer, als die anwesende Truppe zu einer vernünftigen Opernaufführung zu führen, könnte es für den bedauernswerten Impresario auch nicht sein, einen Sack Flöhe zu hüten. Matthias Klein gastiert in dieser Rolle erneut in Kiel und begeistert ein weiteres Mal mit großer Bühnenpräsenz und edlem Timbre. Neben hoher Textverständlichkeit glänzt er mit einer überzeugenden Darstellung, die ihm zu Recht großen Applaus einträgt.

Dass das Publikum der Aufführung gebannt folgt, wird nicht nur durch die Aufführung in deutscher Sprache erleichtert, sondern auch von der durchdachten Regie von Ralph Mundlechner unterstützt, die die Zuschauer mit einer Vielzahl von originellen Einfällen bei der Stange hält. Das Bühnenbild von Eveline Havertz ist schlicht gehalten, ermöglicht aber mit Einsatz der Drehbühne blitzschnelle Wechsel der Perspektive und rasante Auftritte und Abgänge. Vor dem neutralen Hintergrund eines stilisierten Tempels wirken die vielfältigen und überraschenden Kostüme von Veronika Lindner umso eindringlicher. Und auch die umwerfende Mimik und Gestik der Darstellerinnen und Darsteller kann sich hier besonders erfolgreich entfalten. Das gilt auch besonders für den von David Maiwald optimal vorbereiteten und besonders einsatzfreudigen Herrenchor. Viel zur Abrundung des Erfolges leistet auch die Choreografie von Tina Gaitzsch.

In letzter Minute für die erkrankte Heike Wittlieb eingesprungen, rettet die Sopranistin Zdena Furmancokova die Vorstellung und präsentiert eine ätherische Primadonna, die sich auf der Bühne aber für keine Verrenkung zu schade ist, so lange sie ihr nur den Weg an die Rampe sichert. Ihr Ehemann, gespielt von Mirko Janiska, geht zuerst ganz in der Unterstützung seines Stars auf, als er aber selbst auf der Bühne einspringen kann, zeigt sich sein wahrer Charakter. Johannes An knödelt sich als erster Tenor mit Stimmschwierigkeiten so urkomisch durch seine Rolle, dass ihm ein erster rasender Zwischenapplaus gewiss ist. Als Komponist und Librettist geben Slaw Koroliuk und Sang Youf Kim darstellerisch alles und mühen sich, den wahnwitzigen Forderungen des Ensembles nachzukommen.

Argwöhnisch betrachtet werden die Entwicklungen bei den Proben von der zweiten Sängerin, hier Michaela Rams. Nachdem ihr Arie und Duett mit der Primadonna gestrichen wurden, ruft sie ihre ehrgeizige Mutter zu Hilfe. Mamma Agata, ein Schlachtross von Künstlerinnenmutter, greift in die Räder der Theatermaschine und nichts ist mehr wie zuvor...Jörg Sabrowski ist eine erschreckende und fabelhafte Mamma. Er erfüllt die Rolle mit einer großen Menschlichkeit und balanciert die irrwitzige Figur traumsicher diesseits der Karikatur, obwohl die Kostümbildnerin hier natürlich in die Vollen greifen muss. Dass neben der darstellerischen Finesse bei Jörg Sabrowski auch die gesangliche Seite voll überzeugt, muss man in Kiel eigentlich nicht mehr erwähnen.

Leider ist es die Fülle der Bilder und Ereignisse, die bei "Viva la Mamma!" das Gleichgewicht zwischen Musik und Darstellung teilweise eindeutig zu Lasten der Musik verschiebt. Dabei hält der Dirigent Johannes Willig die musikalischen Fäden sicher in der Hand und es ist bemerkenswert, wie präzise der musikalische Ablauf auch bei den aktionsreichen Ensembleszenen funktioniert. Zum musikalischen Höhepunkt gerät allerdings nicht die Musik von Gaetano Donizetti, sondern eine eingeschobene Rossini-Arie, die Marina Fideli als vom Ehrgeiz getriebene Mezzosopranistin überragend auf die Bühne bringt. Das hörbar amüsierte Premierenpublikum quittierte die überraschende Abwechslung in der Kieler Oper mit langem Applaus!
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