Vogelfänger im Wunderland

Kiel – Von oben schwebt ein Mann herab. Wo er landen wird, bleibt zunächst ungewiss. Unten werden Texte gesprochen, die sich nur dem Kenner entschlüsseln.
Dann erst setzt die Musik ein: schön und feierlich im Adagio, springlebendig leicht im Allegro – die Ouvertüre zu Mozarts Oper . So rätselvoll und gleichzeitig so vielversprechend beginnt die neue Saison am Kieler Musiktheater. Bald aber wird dies Dunkel schwinden: Der hereingeschwebte Fremdling wird von einer Schlange umwunden und sinkt leblos darnieder, ein Damenterzett sorgt sich um ihn, wetteifernd um die Gunst des schönen Jünglings. Der Boden der vertrauten Handlung ist erreicht. Prinz Tamino ist zu neuem Leben erwacht und weiß nicht, wo er sich befindet. Unbekannte Gestalten machen sich an allerhand silbrig glänzenden Kisten zu schaffen, einer schält sich aus der Schlangenhaut und wird gleich aus dem Hintergrund neu erscheinen, sein Vogelfängerliedchen auf den Lippen. Aber auch der kennt die Gegend nicht, denn außer seinem kleinen vogelhändlerischen Alltag weiß er nichts.
Und seinen Text kann er auch nicht, denn er liest ihn aus einem Buch ab. Doch das hat Methode, denn hier vollzieht sich ein gewollter Bruch mit der Bühnenillusion. Zu sehen ist kein Vogelmensch, sondern der Sänger Mirko Janiska, der mit Stimme und Statur Papageno vorstellt. Und im Kostüm des Tamino steckt eben Kiels neuer lyrischer Tenor Johannes An.

So einfach geht das: Regisseur Freo Majer zeigt eine Künstlertruppe, die just dabei ist aus ihren Kisten und Kasten alle Bestandteile einer Zauberflöte-Aufführung hervorzukramen und sich spielend und erzählend ihre mythischen und eben auch mysteriösen Geschichten selbst zu erforschen.

Von nun an ist alles klar, denn wenn man sich auf den simplen, aber gewitzten Theatercoup eingelassen hat, lösen sich fast alle Probleme dieses scheinbar so schlicht harmonischen, aber in sich doch wild zerklüfteten Werkes wie von selbst. Denn der gewiefte Theatermacher Emanuel Schikander hat sich ja für seine Wiener Vorstadtbühne einen Kassenknüller zusammengeschustert, in der es nicht nur vor wilden Tieren wimmelt, sondern auch Zwitterwesen, sternflammende Königinnen, Hohepriester, Mädchenräuber, Ritter, Sklaventreiber und nur ganz wenig einfache Menschen vorkommen. Und diese Oper ist Zaubermärchen, Einweihungsritus, Volksstück und Weihespiel zugleich, enthält Wunder, aber auch – im unmotivierten Wechsel zwischen Gut und Böse beispielsweise – Widersprüche, über die nur die Musik eines Wolfgang Amadeus Mozart hinwegtrösten kann.

Wie soll man das alles erzählen? Vor den Kieler Philharmonikern steht mit Georg Fritzsch, der mit kleiner Besetzung und teilweise alten Instrumenten nach historischer Aufführungspraxis strebt, aber nicht zum Selbstzweck, sondern weil so die ganze Vielfalt dieser Komposition hörbar wird, die so viele Elemente enthält: anmutiges Volkslied und weihevolle Gesänge, blitzende Opernbrillanz und sinnliche Melodik, dramatischer Donner und liebliche Duette. Mit delikat abgestufter Dynamik und aufmerksam herausgearbeiteten Details offenbart Fritzsch mit seinen hellwachen Musikern nicht nur die Reife, sondern auch die Raffinesse der Musik und ist bei allem ein präziser und einfühlsamer Begleiter des Bühnengeschehens.

Und wie soll man dort den Schikaneder-Text erzählen, wenn aus dem Graben so viel Mozart-Reichtum kommt? Nur indem man tief in die Theaterkiste greift und die Phantasie ins Kraut schießen lässt. Freo Majer und sein Team zögern nicht: Bühnenbildner Stephane Laimé braucht für seine phantastischen Räume nur ein paar Kästen und die Bühnenmaschinerie vom Himmel bis zur Hölle; Dagmar Fabisch leiht sich Kostüme und Masken von weit verstreuten ethnischen Traditionen, von den Blondzöpfen des Nordens bis zu den Afro-Köpfen des Südens.

Und da Freo Majers Märchenbilder in der Gegenwart angesiedelt sind, führt er in Fantasy-Welten und Pop-Gefilde. Zwar markiert er dort mit Schwarz und Weiß klar Gut und Böse, aber er hinterlässt auch auf Sarastros Weste blutige Spuren, legt uns die Königin der Nacht ans Herz und bricht so die Fronten auf. Am Ende haben beide ausgedient, die Lichtgestalt und die Dunkelmächtige. Zwei Menschen, Pamina und Tamino, werden da sein.

In Majers Einfallsreichtum ist auch die Kunst eingeschlossen, seine Sänger in wunderbare Gestalten zu verwandeln. Ji-Young Juns Sternenkönigin holt die Regie aus der entrückten Koloratur-Perfektion in eine mütterliche Nähe; Thorsten Grümbel, gebürtiger Kieler und als Gast von der Deutschen Oper am Rhein kurzfristig eingesprungen, zeigt als Sarastro nicht nur Bass-Würde, sondern auch männliches Begehren. Johannes An fühlt sich mit schlankem, anfangs etwas beengtem Tenor immer intensiver in die Partie des Tamino ein; Heike Wittlieb kostet mit ihrem hell timbrierten und doch weichen Sopran die Spannweite der Pamina aus: Liebesfreud und Todesleid. Susan Gouthro, die mit ihr in dieser Rolle alternieren wird, bildete mit Claudia Iten und Marina Fideli ein schön harmonierendes Damentrio, so wie die drei Knaben vom Hamburger St. Nicolai-Chor: Vincenz Neri, Niclas Berger und Justus Dill als tapfere kleine Ritter. Bruchlos fügten sich auch Jörg Sabrowski (Sprecher), Attila Kovács und Sergej Rotach (Priester), Martin Fleitmann und Slaw Koroliuk (Geharnischte) so wie der von David Maiwald einstudierte Chor in das gut abgestimmte Ensemble.

Einer aber fühlt sich in Freo Majers Theater-Wunderland wohl wie in der eigenen Haut: Mirko Janiska singt den Papageno leicht und mühelos und spielt – nun ja – einfach einen komischen Vogel. Und mit Michaela Rams – bis zum Lüften des Schleiers von Marita Dübbers als Alte begleitet – fliegt ihm ein munteres Papagena-Vögelchen zu. Komödiantische Qualitäten verrät auch Kiels neuer Tenorbuffo Steffen Doberauer als gar nicht schwarz-böser Monostatos. Versöhnliche Heiterkeit dominiert eben am Ende über Weihe-Pathos. Und großer Beifall, dazwischen für das Regieteam kerniges Buh – Ritterschlag also.

Mozart: Die Zauberflöte. Regie: Freo Majer; musikalische Leitung: Georg Fritzsch. Oper Kiel, weitere Aufführungen: 1., 7., 15., 19., 23. Okt. Karten-Tel.: 0431 / 901 901; www.theater-kiel.de

Von Christoph Munk
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