Kieler Oper: Mozarts "Le Nozze di Figaro" gemächlich und ganz erwartungsgemäß

Glückliche Augen, strahlende Gesichter: "Ach, uns hat das so gut gefallen, schreiben Sie das!" Lange nicht am Kieler Musiktheater hat eine Produktion so viel Zufriedenheit ausgelöst und die herkömmlichen Erwartungen an einen Klassikers des Repertoires so ideal erfüllt wie Friderike Vielstichs Inszenierung der Mozart-Oper Le Nozze di Figaro unter dem Dirigat des Ersten Kapellmeisters Johannes Willig.


Wohlfühl-Stimmung: Schon die Sinfonia der Ouvertüre geht Willig sanft an. Bequem spielbare Achtel in den Streicherbewegungen, moderate forte-piano-Wechsel und die Tempovorschrift "Presto" stachelt den Dirigenten keineswegs zur Raserei an. Kein Grund zur Beunruhigung. Kraftvoll klingt das, fast prächtig, wie eine freudige Einstimmung auf ein fröhliches Komödienspiel, in dem ein paar Verirrungen in Liebesdingen durch heilsame Verwirrungen gelöst, keinesfalls aber die Verhältnisse vom Kopf auf die Füße gestellt werden, wie es Da Pontes Libretto nahelegt.
Was die Musik verspricht, löst das szenische Spiel ein: Während Susanna mit dem Brautkranz spielt kriecht, wie so oft, Figaro über den Fußboden und misst das künftige Schlafgemach aus. Wer hier schneller schaltet und waltet, stellt sich gleich heraus, denn Heike Wittlieb ist eine quicklebendige Komödiantin mit einem hellen, sicher und flexibel geführten Sopran und rascher Verstellungskunst. Trond Gudevold wirkt dagegen begriffsstutzig, ausgestattet mit einem stabilen, aber nicht sonderlich kernigen Bass. Seine Aufmüpfigkeit hält sich in Grenzen, schön zornig ballt er in seiner Kavatine gegen den Graf die Fäuste, schlägt dann mit der Elle gegen die Wäsche los und bleibt dabei doch ein kreuzbraver Bursch. Nicht er wird das Spiel um die Mannesehre und die Reinheit der Braut gewinnen, sondern der List der Frauen wird es zu danken sein, wie wir am Ende erfahren.

Doch gemach: Der Gegner ist durchaus von Pappe. Der Graf marschiert in Nachtmütze und Wäsche ein, über die er wenigstens den Schlafrock geworfen hat. Kantige Herrschermanieren gibt ihm Mirko Janiska kaum, zumal sein Bariton zwar sehr geschmeidig klingt, aber im Timbre Härte vermissen lässt. So kommt er als ein aufgestörtes Gewohnheitstier daher, dem jemand das ihm zustehende Erotikfutter nehmen will. Und in seiner Arie im dritten Akt zeigt er sich als grimmiger Grübler und nicht als wahrhaft zorniger Despot - auch wenn er schnell mit der Flinte bei der Hand ist. Wie verloren an seiner Seite muss sich die Gräfin fühlen, die Marion Costa mit eleganter, wunderschöner Linie singt? Aufheiterung erfährt sie erst in der Gesellschaft Susannas und im unbeschwerten Ränkespiel. Darin fügt sich auch Claudia Itens forsch singender Cherubino ein, eher ein verhätschelter Wonneproppen, denn ein jugendlicher Herzensbrecher.

Man lebt eben bescheiden bei den Almavivas: Die Kostüme von Sabine Böing folgen zwar der Mode des Rokoko und sind schön bunt, aber nicht allzu prächtig. Und Bühnenbildner Daniel Roskamp hat um den ansonsten freien Raum einen recht rohen Holzverschlag gezogen, als wolle er signalisieren, dass der Graf nicht sonderlich begütert ist und sein Hofstaat eben aus Bauern besteht, die recht wacker singen (Choreinstudierung: Jaume Miranda) und gravitätisch rustikal tanzen (Choreographie: Stefan Haufe). Dem folgt auch der Zuschnitt der übrigen Entourage: Marcellina (Marina Fideli), Bartolo (Hans Georg Ahrens), Basilio (Hans-Jürgen Schöpflin), Antonio (Chan Il Seok) und Don Curzio (Martin Fleitmann) wirken knapp typisiert, als sehnten sie sich in die guten alten Zeiten der Commedia dell'Arte zurück. Und doch gibt es dort eine wundersame Überraschung: Luise Kinners Barbarina, wirklich noch ein Mädchen, doch ohne Scheu im Auftreten und jugendlich blühend im Gesang.

Schauplatz: Spanien. Sprache: italienisch. Gemütslage: deutsch. Friderike Vielstichs Inszenierung führt in eine entlegende Provinz, wo der Raum weit und die Zeit unendlich wird, wo also die Welt noch ganz in Ordnung ist. Die von Neonröhren eingerahmte Bühne zeigt dekorative Bilder, in denen die Komplotte gemächlich entwickelt und die Verwicklungen umständlich gelöst werden. Blitz und Donner einer bevorstehenden Revolution scheinen fern, und so genau Vielstichs sorgfältige Personenführung die dominierenden Charaktere entwickelt, entdeckt sie keine neuen Aspekte und findet in ihnen doch keinen revoltierenden Kern. Einfühlsam folgt Johannes Willig dieser Linie: Er lässt vor allem in den Rezitativen den Sängern alle Freiheiten statt sie an die Hand zu nehmen, das Komödienspiel der eher schlanken Stimmen mit Tempo zu animieren und mit den gehorsam und versiert spielenden Philharmonikern musikalische Funken zu zünden. Eine erstaunlich erwartungsgemäße Figaro-Produktion also legt nur einen ungeahnten Aspekt bei Mozart und Da Ponte bloß: Längen. Das ist neu, immerhin.

Mozart: Le Nozze di Figaro. Regie: Friderike Vielstich, Bühne: Daniel Rosskamp, Kostüme: Sabine Böing, musikalische Leitung: Johannes Willig. Oper Kiel; nächste Aufführungen: 15., 22., 30. Jan.; 2., 18. Febr.; 15., 24. März; 3., 10., 15. April; 5. Mai, 4. Juni. Karten-Tel.: 0431/95095; www.theater-kiel.de

Von Christoph Munk


Aus den Kieler Nachrichten vom 11.01.2005